Hohe Todesrate durch Babesiose bei Rindern eines norddeutschen Fleischproduktionsbetriebes

Eine Infektion mit Babesia divergens ist die häufigste Ursache für das Auftreten der Babesiose bei Rindern in europäischen Ländern nördlich der Alpen. Babesia divergens wird von Zecken der Art Ixodes ricinus (Holzbock) übertragen, welche in Deutschland die am häufigsten vorkommende Zeckenart ist. Während die Larven dieser Zecke kleine Säugetiere und Vögel bevorzugen, befallen Nymphen und adulte Zecken eher große Säugetiere einschließlich Mensch und Rind. Typische Lebensräume von Ixodes ricinus umfassen Wälder, Büsche und hohes Gras. Während gut gepflegte Weiden eigentlich einen eher minderwertigen Lebensraum darstellen, können Hecken und Baumbestand zwischen den Weiden jedoch die Population der Zecke erhalten und einen möglichen Übertragungsort für Babesia divergens darstellen. Zu den klinischen Symptomen der Rinderbabesiose gehören eine erhöhte Körpertemperatur, Anorexie, Schwäche und hämolytische Anämie, begleitet von Tachykardie und Tachypnoe. Die Schleimhäute können blass oder gelblich sein, auf dem Höhepunkt der hämolytischen Krise kann eine Hämoglobinurie auftreten. Spontanheilungen sind bei dieser Erkrankung selten, die Sterblichkeitsrate ergibt sich hauptsächlich aus der Geschwindigkeit der Diagnosestellung und der Zeit bis zum Einleiten einer adäquaten Behandlung. Bei Rindern existiert eine sogenannte inverse Altersresistenz, welche auf subklinische oder leichte Infektionen mit anschließender Immunitätsbildung bei Tieren unter 9 Monaten zurückzuführen ist. Die Immunität wird dann durch wiederholte Exposition gegenüber dem Krankheitserreger aufrechterhalten. Daher sind klinische Fälle in endemischen Regionen selten und betreffen normalerweise immungeschwächte Tiere oder Rinder, die im ersten Lebensjahr keinen Zugang zur Weide hatten.

In der Vergangenheit haben mehrere Studien den Rückgang der Prävalenz des Erregers Babesia divergens in Europa gezeigt. Im Juni 2018 starben jedoch 21 erwachsene Tiere eines norddeutschen Rinderhalters, welche klassische Symptome einer Babesiose zeigten. Zu diesem Zeitpunkt umfasste der Bestand des Bio-Betriebes 150 Fleckvieh- und Angusrinder in fünf extensiv bewirtschafteten Mutterherden, die auf verschiedenen Weiden standen. Die meisten Tiere waren auf dem Hof geboren und aufgewachsen. Die Weiden des Betriebes grenzen an ein Naturschutzgebiet, das von Mooren, Graslandschaften und einem See geprägt ist. Das Naturschutzgebiet dient auch als beliebtes Erholungsgebiet. Am 3. Juni 2018 wurde erstmals bei einem Rind einer aus 56 Tieren bestehenden Herde eine Hämoglobinurie festgestellt. Die Herde war 10 Tage zuvor auf eine bis dahin nicht genutzte Weide umgestellt worden. Am 5. Juni wurden ein Bulle und fünf Kühe tot auf der Weide gefunden, am Tag darauf starb eine weitere Kuh. Zunächst wurde eine Vergiftung über den auf der Weide vorhandenen See als Todesursache angesehen, so dass die Herde auf eine andere Weide verlegt wurde. Trotz des Umzugs der Herde kam es zu weiteren Todesfällen, darunter acht Kühe aus einer zweiten Herde, die zuvor daneben weideten und die sich der ersten Herde angeschlossen hatten, um die verwaisten Kälber zu pflegen. Am 20. Juni wurden zwei klinisch erkrankte Kühe in die Tierärztliche Hochschule Hannover gebracht. Die beiden Kühe zeigten einen Zeckenbefall, Hämoglobinurie, verringerte Futteraufnahme, Depression und Bewegungsstörungen. Die klinische Untersuchung der Tiere ergab die charakteristischen Symptome einer Babesiose mit Fieber und gelb-blassen Schleimhäuten. In den Blutausstrichen der Tiere wurden die typischen Merozoiten von Babesia divergens auf der Erythrozytenoberfläche nachgewiesen. Die Diagnose wurde per PCR-Test bestätigt. Eines der Tiere erholte sich nach der Behandlung mit Imidocarb-Dipropionat, das andere Tier verstarb. Am 3. Juli 2018 wurde die gesamte Rinderherde prophylaktisch mit Imidocarb-Dipropionat behandelt. Insgesamt starben in diesem Jahr jedoch 21 Rinder des Betriebes an den Folgen einer Babesiose, alle Tiere waren älter als 2 Jahre.
Im darauffolgenden Jahr 2019 wurden alle erwachsenen Tiere des Betriebes prophylaktisch behandelt. Trotzdem wurden auch in diesem Jahr 4 tote Kühe gefunden, mehrere Tiere zeigten zudem klinische Zeichen einer Babesiose. Im März 2020 wurden 95 Rinder auf Antikörper gegen Babesia divergens getestet und bei 36 von ihnen (37,89%) wurden positive Titer ermittelt. Dies ist von praktischer Relevanz, da die meisten klinischen Erkrankungen bei seronegativen Tieren auftreten. Bis Mai 2020 wurden auf dem betroffenen Hof keine weiteren klinischen Fälle von Babesiose festgestellt.
Auf den Weiden des Hofes, auf denen die Babesiose aufgetreten war, wurden im Juni, September und Oktober 2018 sowie im März und Juni 2019 auch Zecken gesammelt und analysiert. Bei den untersuchten1430 Zecken der Art Ixodes ricinus konnte zwar keine DNA von Babesia divergens nachgewiesen werden, trotzdem deuten die epidemiologischen Daten laut der Autoren der Studie auf eine Verbreitung von Zecken hin, die mit dem Erreger befallen waren. Es ist wahrscheinlich, dass der Erreger über infizierte Zecken an Zugvögeln auf die Weiden des Hofes eingeschleppt wurde, da das Gebiet auch als Brut- und Überwinterungsstätte für viele Vogelarten dient.

Die Prävalenz der Rinderbabesiose, welche durch den Erreger Babesia divergens ausgelöst wird, ist in den letzten Jahrzehnten in vielen Teilen Europas zurückgegangen. Dieser Rückgang hat wahrscheinlich zu einem Verlust der Herdenimmunität geführt, was zu einer instabilen epidemiologischen Situation und einem Rückgang des Bewusstseins für die Krankheit bei Tierärzten und Landwirten geführt hat. Die Erkrankung ist jedoch noch immer von veterinärmedizinischer Bedeutung und kann erhebliche wirtschaftliche Verluste verursachen, wenn sie in nicht-endemischen Gebieten auftritt. Eine Therapie oder Prophylaxe mit dem Präparat Imidocarb-Dipropionat gestaltet sich in der Praxis häufig schwierig, da das Präparat in einigen europäischen Ländern nicht zugelassen ist. Zudem ist die laut Verordnung vorgeschriebene Wartezeit von 213 Tagen für viele Landwirte in der Fleischproduktion nicht realisierbar.
Neben einer Erkrankungsgefahr bei Rindern ist Babesia divergens auch von zoonotischer Bedeutung, da der Erreger auch beim Menschen zu potenziell tödlichen Krankheitsverläufen führen kann, dies vor allem bei splenektomierten und immungeschwächten Patienten.

Quelle: Front. Vet. Sci. 2020 Sept 15;7:649-657.